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Chilehilfe

Die "Chilehilfe für junge Christen", später "für junge Menschen", wurde 1975 von Padre Reinaldo Orellana Rodriquez und mir als damaligen Jugendpfarrer der Diözese Reegensburg gegründet und hat erstaunlicherweise nun mehr als  40 Jahre überlebt. Die Geschäftsführung wurde dem Bischöflichen Jugendamt Regensburg anvertraut und von diesem äußerst gewissenhaft wahrgenommen. 1986 wurde die Katholische Hochschulgemeinde Regensburg einschließlich Erzbischof-Buchberger-Studentenheim mit ins Boot geholt. Große Verdienste um die Projekte von Padre Orellana erwarben sich u.a. der Missions-Bastelkreis Pirkensee, der Freundeskreis Hebertsfelden, Herr Pfr. Christof Müller und insbesondere auch Herr Dekan Josef Geismar. 2018 wurde die "Chilehilfe" eingestellt. Padre Orellana ist leider an Alzheimer erkrankt. Für ihn konnte kein Nachfolger gefunden werden. Frühere Wegbegleiter bemühen sich jedoch, das Andenken an den Padre lebendig zu halten und in seinem Geist weiterzuwirken.

                                                                                                                                              Lorenz Zellner

 

Zur Person von Padre Orellana

Einer, für den Wahrheit und Liebe austauschbar geworden sind, ist mein peruanischer Freund Padre Reinaldo Orellana Rodriquez. Ich möchte ihm hier ein kleines persönliches Denkmal setzen. Padre Orellana, Jahrgang 1938, ist emeritierter Professor für Bibelwissenschaften an der Katholischen Universität Valparaiso in Chile und wurde in den letzten 40 Jahren Leib- und Seelsorger für Tausende von bedürftigen Kindern und Jugendlichen in der chilenischen Groß- und Hafenstadt Valparaiso. Er hat praktisches und reflektierendes Christentum unter einen Hut gebracht. Die geschichtlichen Umstände in der Zeit der Diktatur Augusto Pinochets und die Motivation durch das Evangelium initiierten seinen beispiellosen und bis heute währenden Dienst an hilflosen und verlassenen Kindern, an bedürftigen Studenten und Familien am Rande der Gesellschaft. Zu seinem 75. Geburtstag habe ich ihm vor einigen Jahren eine Laudatio gewidmet. Ich darf sie hier einem größeren Kreis zugänglich machen.

 

                                                               Laudatio zum 75. Geburtstag

 

Lieber Padre Orellana,

über unsere gemeinsame religiöse und kirchliche Ausrichtung sind wir uns vor 48 Jahren zum ersten Mal begegnet. Aus dieser Begegnung aus Anlass meiner Primiz in meinem Heimatdorf Pfettrach erwuchs eine tiefe und intensive Freundschaft. Diese mündete 1975 aufgrund der durch die Diktatur Augusto Pinochets entstandenen sozialen Nöte in die Aktion „Chilehilfe für junge Christen“. Nach 38 Jahren stiller Hilfe ist es zu Deinem 75. Geburtstag sicher angebracht, einen Moment innezuhalten, um über die religiöse Gestalt Deiner Person, über die religiöse Dimension Deiner Aktivitäten und das rechte Verständnis von Religiosität überhaupt nachzudenken.

 Was mit Religiosität gemeint ist, ist für einen Bibelfachmann eine klare Sache. Die Sache, um die es geht, ist kurz und bündig und allgemein verständlich in einer vielen Menschen bekannten Formel enthalten, in einem Text, den Du sicher oftmals kommentiert – aber nicht nur kommentiert, sondern mit Leib und Seele und mit der Kraft Deines Geistes und Deines Willens gelebt hast. Es handelt sich dabei um die Bibelstelle, die sich bei allen drei Synoptikern (Mk 12,28-34; Mt 22,34-40; Lk 10,25-28) findet und unter der Überschrift „Hauptgebot der Liebe“ läuft. In ihrer Substanz lautet die Stelle: „Du sollst Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst.“ So hast Du Religiosität verstanden. Und so hast Du sie gelebt.

Dir war immer klar: Religiosität betrifft eine Vielzahl von Bezügen, die ineinander verschränkt sind. Es geht um Gott und die Welt, um den Mitmenschen und mich selbst. Es geht also nicht nur um die Beziehung zu Gott, zum geheimnisvollen und verborgenen und doch Heimat und Geborgenheit schenkenden Hintergrund unseres Lebens, so sehr dieser Bezug oft immer noch als die primäre oder gar als die ausschließliche Form der Religiosität dargestellt und verstanden wird. Dies ist erwie-senermaßen ein folgenschweres Missverständnis. Ebenso einseitig und gefährlich und christlichem Denken fremd ist aber auch die Meinung eines George Bernard Shaw, der in seiner Erzählung „Das Abenteuer des schwarzen Mädchens auf der Suche nach Gott“ eben dieses Mädchen sagen lässt, es interessiere sich mehr für die Liebe unter den Menschen als für die Verherrlichung Gottes. So kann es auch nicht sein. Alles spricht doch für eine Synthese, wie Du sie gelebt hast, nämlich eine fruchtbare Integration der Positionen Gottesliebe, Schöpfungsliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe hinzubekommen – wenn auch die Position Selbstliebe bei Dir sicher oft zu kurz gekommen ist!

 Auf jeden Fall blieb das „Hauptgebot der Liebe“ bei Dir nicht nur Text oder Buchstabe. Du warst sein Anwalt, sein Motor, Du hast dem Hauptgebot ein Gesicht gegeben. Religionen, die welttauglich sein wollen, brauchen Gesichter, in die man gerne schaut, brauchen Gestalten, die anziehen, eine Lebendigkeit, die mitreißt, Perspektiven, die den Einsatz lohnen. Du, lieber Orellana, warst für mich immer ein solcher Motor und Anwalt des „Hauptgebotes der Liebe“. Ich sehe in Dir eine gelungene und ideale Verkörperung eines ichstarken theonomen Humanismus, eine geglückte Verbindung von Gottesliebe und Mitmenschlichkeit.

 Ein paar Stichworte sollen Dich noch besonders charakterisieren. Ich meine Deine Integrität und Aufrichtigkeit. Dazu kommen Dein Gottvertrauen und Dein menschliches Mitgefühl. Wenn Gott das Fundament für ethisches Verhalten und praktisches Handeln abgibt, dann ist dies bei Dir der Fall!  Wenn Gott Hände in der Welt hat, dann heißt eine Hand „Padre Orellana“!  Wenn Bedürftige in Valparaiso eine gute Adresse brauchen, heißt diese ebenfalls Padre Orellana!  Wenn man ein Beispiel für Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen in schweren Zeiten sucht, findet man dieses Beispiel bei Dir! Und wenn es um den Glauben an die fundamentale Güte der Schöpfung geht, findet man diesen Glauben in der Straße Lautaro Rosas in Valparaiso! Für mich bezeugst Du die Effektivität einer Religiosität, die sich am Wesentlichen und Zentralen des Glaubens, an der Kernidee „Liebe“ orientiert, die um die Kraft dieser Liebe weiß – aber einer Religiosität, die sich nicht an sekundären Positionen wichtig macht und verausgabt. So gesehen, und das soll auch gesagt sein, warst Du immer ein „Stachel im Fleisch“ der Kirche, aber ohne Dich damit in Szene zu setzen oder Dich zu profilieren. Ich habe mich aber trotzdem sehr über einen Fund im Internet gefreut. Dort grüßt Dich ein früherer Schützling von Dir, der heutige Professor Carlos Maldonado mit bewegenden Worten und schreibt: „Ein Gruß an einen der wenigen Priester, die noch übrig sind…, die das Leben der Notleidenden menschenwürdiger machen.“ Wie schön, dass Du so gesehen wirst!

 1975 haben wir die „Chilehilfe für junge Christen“ gegründet. Wenn man das „Hauptgebot der Liebe“ in seiner umfassenden Bedeutung versteht, dann ist hier ein durch und durch religiöses „Unternehmen“ entstanden. Hunderte von Freundinnen und Freunden haben ihr Herz geöffnet und Dich unterstützt, damit Du Tausenden helfen konntest. Die Leute der ersten Stunde und die später Dazugekommenen, alle, denen menschliche Not nicht egal ist, bewundern ihren „Mann vor Ort“ und wünschen Dir, lieber Orellana, zu Deinem Geburtstag am 3. Juni von Herzen Gottes Segen, Gesundheit, Standfestigkeit, erfolgreiche Hände und viele liebevolle und dankbare Rückmeldungen von Seiten der Kinder, ihrer Familien und vor allem auch von den vielen Studenten, denen Du im Haus „Lautaro Rosas“ eine Heimat gabst.

 Eine gute Zukunft, hasta Dios quiere (solange Gott will), wie Du immer sagst, „un fuerte abrazo“ (eine kräftige Umarmung), die man sich immer denken muss, einen herzlichen Gruß und beste Wünsche ins ferne Chile.

 Dein Lorenz

 

 

 Nikolaus-Fest mit Kindern, Studenten, Müttern und Padre Orellana